6. Umfrage : Computer in der Medizin

6.1 Einleitung

Die Frage um existente Probleme und Gefahren beim Einsatz von technischen Gerätschaften in Bereichen der Medizin stellt sich heute mehr denn je.
Die Möglichkeiten Ärzte und Pflegepersonal durch Einbringung von Technologien in ihre Arbeitsbereiche zu unterstützen, löst oftmals ungeahnte Folgen aus. Die einerseits erwünschten Reaktionen auf die eingesetzte Technologie, wie bspw. Verbesserungen im diagnostizierenden Bereich, gehen genauso einher mit oftmals unkalkulierten bzw. von vornherein unabschätzbaren negativen Folgen.

Zur Wertung dieser Problematik führten wir die nachfolgende Internetstudie "Meinungen zum Computereinsatz in der Medizin" durch.
Diese Studie wurde im Rahmen eines Seminars "Informatik in der Medizin" (Humboldt-Universität zu Berlin) durchgeführt und diente der Gewinnung von Meinungsbildern.
Der Start der Studie erfolgte im April 2001. Mittels eines Fragebogens versuchen wir Antworten und vor allem Ansichten zum Einsatz von technischen Geräten im Bereich der Medizin einzufangen.
Mitte Juli erfolgte die erste Auswertung der erhaltenen Antworten (250 Teilnehmer). Auf diese Informationen stützt sich die derzeitig vorliegende Studienauswertung.
Unterdessen läuft die Studie nach zwischenzeitlicher Auswertung weiter.
Wir danken allen bisherigen Teilnehmern für ihre Mitarbeit und begrüßen weitere Studienteilnehmer.

6.2 Einteilung der Studienteilnehmer

Ein Großteil der Teilnehmer kommt aus dem diagnostizierenden Bereich. Ein nicht minder großer Teilnehmerkreis wird von den Patienten (nicht im Bereich der Medizin Tätigen) gestellt.

Die Mitarbeiter des Pflegebereichs stellen die drittgrößte Teilnehmergruppe.

Informationen zur Umfrage :
Bei einigen Fragen wurden die Antworten der drei Teilnehmerbereiche Arzt, Pfleger, Patient differenziert aufgezeigt, um die Meinungen und Ansprüche der Gruppen untereinander aufzuzeigen und entsprechende Rückschlüsse ziehen zu können.

6.3 Ergebnisse der Studie

Gefahr der Entmenschlichung

Ein oftmals negativ kritisierter Effekt, der durch den Einsatz von Technik befürchtet wird, ist die Gefahr der Entmenschlichung. Die Befürchtung, daß das Arzt-Patient-Verhältnis leidet und sich ein Patient der Technik ausgeliefert fühlen könnte.
Über 2/3. der Befragten sind der Ansicht, daß eine derartige Gefahr unbegründet ist.


Skepsis der Patienten gegenüber dem Technikeinsatz

Moderne Untersuchungsmethoden schrecken Patienten oftmals ab. Ihre Unwissenheit über etwaige Folgeschäden durch entsprechende Behandlungen sind nur eine Begründung. Die Mehrheit der Studienteilnehmer steht dem Einsatz von Technologien in der Medizin offen gegenüber.


Hilfe durch Technikeinsatz

Der Einsatz von technischen/digitalen Geräten wird von der Mehrheit der Befragten befürwortet.


OP durch einen Roboter

Wenn es die Möglichkeit gäbe, eine Operation vollständig computergesteuert durchzuführen, würden nur 34.4 % der Befragten diese Möglichkeit in Anspruch nehmen.


Die Technik im Sinne der Unterstützung im Tätigkeitsfeld der Ärzte und Pfleger findet große Akzeptanz. Dagegen trifft die Technisierung von "zu menschlichen Prozessen" auf große Ablehnung.

Einsparung von Arbeitsplätzen

Ein Nebeneffekt bei Einführung von neuen Technologien, ist oftmals die Einsparung von Arbeitsplätzen. Bei den Befragten sind 62.5 % der Meinung, daß kein Abbau von Arbeitsplätzen durch den Einsatz von Technologien zu befürchten ist.

Grundsätzlich läßt sich feststellen, daß es bei Ärzten und Pflegern zugegebenermaßen Arbeitsabläufe gibt, die durch Technikeinsatz erleichtert bzw. abgenommen werden können. Die Fehlbarkeit der Technik in Bereichen der Psychologie und Menschlichkeit sind dagegen gravierend. Aufmunternde und tröstende Gespräche, Anteilnahme und Hoffnungsgeber sind durch Computer nicht aufrecht zu erhalten.
Die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Patient-Arzt und Patient-Pfleger sind unverzichtbar.


Notwendigkeit von Kenntnissen über die Bedienung eines Computers usw.

Mit zunehmendem Technikeinzug in die Medizin, stellt sich die Frage, ob ein Mediziner bzw. Mitarbeiter im Pflegebereich, ohne Internetkenntnisse bzw. Kenntnisse über die Bedienung eines Computers usw. auskommen kann.
Die Mehrheit der Befragten verneinte diese Frage (73.9%).

Folgende Gründe und Bedenken wurden angegeben :

Internetkenntnisse bzw. Kenntnisse im Umgang mit Computern sind nötig :

  • bei Berücksichtigung neuester Forschungsstandards
  • Notwendigkeit der Zugriffe auf Online-Datenbaken
  • da in naher Zukunft ohne Kenntnisse kein effizientes Arbeiten ohne weiteres möglich ist
  • Linzenzpflicht
  • EDV-Erfassung, z.B. im Stationsbereich, nimmt stetig zu
  • Einholung von Informationen über aktuelle Forschungsstände
  • -> EDV-Kenntnisse sollten vorliegen, aber ausschließlich auf User-Niveau bleiben

Die restlichen Befragten gaben an, daß man durchaus ohne große Kenntnisse in Bereichen der Medizin auskommt :

  • wenig Arbeit am Computer nötig
  • Abhängigkeit vom Einsatzbereich
  • Vorhandensein von Bedienpersonal für die Geräte

Zeitvorteil durch den Einsatz von Technologien

Auf die Frage hin, ob die Arbeit ohne den Einsatz von Technologien manchmal eventuell einen Zeitvorteil verschafft, waren die Antworten ausgewogen. 44% der Befragten gaben :

  • Einarbeitungsschwierigkeiten
  • instabile und unausgereifte Systeme
  • stark verkürzte/ entfallende Wartezeiten
  • nicht bei jedem Patienten oder bei jeder Krankheit ist der Einsatz von Technologie nötig
  • häufig schnellere Diagnostik
als Argumente zur Zeiteinsparung durch Verzicht von Technikeinsatz an. Die restlichen 56% die Überlegungen an
  • Zeitvorteil
  • Möglichkeit für den Erhalt eines umfassenderen, besseren Gesamtbildes,
die für den Vorteil beim Einsatz von Technik sorgen.

Als problematisch auf beiden Seiten wurden folgende Aspekte angegeben :

  • Lesbarkeit der Handschrift

  • Erlernen der Technik notwendig, um sie effizient nutzen zu können
  • Geschwindigkeit sollte in der heutigen Medizin nicht im Mittelpunkt stehen
  • Genauigkeit der Anwender beim Arbeiten

Beispiel :
Elektronische Patientenakten versus papierbasierte Patientenakten

Am Beispiel der elektronischen Patientenakten wurden Meinungen und Ansichten zum schnelleren Arbeiten mit Technologien oder aber ohne Einsatz von Technologien gesammelt. Die Mehrheit (70.8%) bevorzugt elektronische Patientenakten. Folgende Begründungen wurden gegeben :

  • Schnelligkeit (vor allem bei akuten Fällen), kein Aktensuchen nötig
  • Einfachheit der Archivierung
  • Platzsparsamkeit
  • ständige Zugriffe möglich, Verfügbarkeit
  • Sicherheit
  • Vollständigkeit (alle Befunde vorhanden)
  • internationaler Standard kann berücksichtigt werden
    • Probleme :

    • Bei Stromausfall kein Zugriff möglich
    • Datenschutz nicht zu 100% gegeben.
    • bei Absturz Gefahr, daß nicht gespeicherte Daten verloren gehen

Dagegen wurden auch papierbasierte Patientenakten mit Vorzügen benannt, wenn auch prozentual nur von 20.8% der Befragten :

  • wenn man etwas benötigt, kann man schneller nachschlagen, z.B. Bedarfsmedikation.
  • keine Absturzgefahr, 100% Stabilität gewährleistet
  • Informationen für immer da
    • Probleme :

    • Datenschutz nicht zu 100% gegeben.
    • sehr zeitaufwendig Akten zu finden

8.4% der Studienteilnehmer fanden sowohl den Einsatz von elektronischen als auch papierbasierten Patientenakten sinnvoll und effizient :

  • keines von beiden ist eine echte Alternative -> zweigleisig fahren, noch für Jahre
  • Wenn mehr Pflegekräfte da sind als Computer, wenn die Technik streikt.
  • Bevorzugung elektronisch erstellter Patientenakten, die zu Papier gebracht werden

Differenzierte Meinungen zur Effizienz von technischen Geräten in (fast) allen Bereichen der Medizin läßt sich auch oftmals auf fehlende bzw. zu geringe Problembesprechungen zwischen Medizinern/Pflegern und Informatikern zurückführen.

Im folgenden sind die Ansprüche der 3 Teilnehmergruppen aufgezeigt.

Ansprüche an medizinische Technologien

von Ärzten...

  • Bedienungsfreundlichkeit
  • 100% Funktionalität
  • Sicherheit für Arzt und Patient
  • Arbeitserleichterung und Zeitersparnis
  • Verbesserung der Patientenversorgung
  • Stabilität
  • schneller und kompetenter Service
  • Relevante Funktionen
  • Überflüssige Belastung durch techn. Geräte vermeiden (Patient)
  • Datensicherheit

vom Pflegepersonal...

  • Pflegepersonal bei der Arbeit entlasten und nicht ersetzen
  • Sicherheit bei Zugriff auf Daten
  • Flexibilität, unvorhergesehene Probleme lösen
  • Stabilität
  • Ständige Überwachung, Aktualität
  • Dem Patienten dienen und nicht der Wissenschaft.
  • Bedienungsfreundlichkeit
  • Gestaltung des Designs verbessern (nicht nur alles grau in grau)
  • Vernetzung mit medizinischen Datenbanken

von den Patienten...

  • Nutzenorientiertheit
  • Sicherheit
  • Bedienungsfreundlichkeit
  • Genauigkeit
  • Ausgereiftheit
  • Aktuellen Stand der Medizin berücksichtigen.
  • Datenschutz
  • Stabilität
  • 100% zuverlässig

Probleme beim fortlaufenden Einzug der Technik

Allerdings dürfen die Probleme, die beim fortlaufenden Einzug der Technologie in die Medizin unbestreitbar sind, nicht außer Acht gelassen werden.
Wie bei der Frage zuvor werden die Antworten der 3 Teilnehmergruppen getrennt voneinander dargelegt :

Aus der Sicht der Ärzte :

  • Technikgläubigkeit
  • Entpersonalisierung
  • Skepsis der Technik gegenüber
  • Abhängigkeit von den Systemen
  • Fehleranfälligkeit
  • Apparate-Medizin ohne Bezug zum Menschen
  • Kostenexplosion
  • Datenschutz
  • Vulnerabilität
  • Teilweiser Wissensverlust
  • Veralten der Geräte
  • Arzt muß mit dem Stand der Technik gehen

Aus der Sicht des Pflegepersonals :

  • Abhängigkeit Mensch/Maschine
  • Computerfehler durch unqualifiziertes Personal
  • Verlust des Arzt/Patient-Verhältnisses
  • Pflegepersonal mehr am Computer als beim Patienten
  • schlechter Service
  • Gläserner Patient
  • Ungenauigkeit der Technik bzw. der Software
  • Aktualisierung des Wissens schwierig
  • manuelle Untersuchung wird mehr und mehr verdrängt
  • ungezielter Einsatz von finanziellen Ressourcen

Aus der Sicht der Patienten :

  • gemacht wird, was machbar ist und nicht, was unbedingt notwendig ist
  • Einsatz entsprechender Fachkräfte für Nutzung von technischen Geräten
  • keine speziellen Probleme
  • Probleme, wenn nicht ausgereifte Systeme auf den Markt kommen, Anwender sich nach Systemen richten müssen und nicht umgekehrt

Einsatzbereitschaft der derzeitigen Technik

Die Kluft zwischen den Ansprüchen der Mediziner, Pfleger und Patienten an Technologien in der Medizin einerseits und der derzeitig einsetzbaren technischen Geräte andererseits, ist gravierend.
Nur knapp 32% der Befragten sehen die Technologien als 100% einsetzbar. Knapp 70% sind dagegen der Ansicht, daß eine unkonkrete Problembearbeitung die Technologie nicht vollständig einsetzbar macht.


Haftungsproblematik

Bei der Haftungsproblematik waren sich (fast) alle Teilnehmer einig :

Vertreiber/Hersteller medizinischer Geräte + Software
sollen für eventuell auftretende Schäden die Haftung
übernehmen, die durch fehlerhafte Arbeit ihrer Produkte
hervorgegangen sind.


Ein Blick voraus...

Zum Abschluß der Umfrageergebnisse werden im folgenden die Wünsche und Vorstellungen der Ärzte, des Pflegepersonals und der Patienten bezüglich des zukünftigen Computereinsatzes gezeigt :

Vorstellungen zum zukünftigen Computereinsatz...

der Ärzte...

  • bessere Harmonie zwischen Mensch und Maschine
  • gleiche Medizinversorgung für alle Patienten
  • stabile, leistungsfähige, bedienfreundliche Software
  • Einsparen von Zeit
  • Kommunikation zwischen Medizinern und Informatikern verbessern
  • Computer sinnvoll einsetzen und ihn kritisch betrachten
  • weniger Risikobelastung für die Patienten durch die Technologie
  • Entwicklung

des Pflegepersonals...

  • Einfachheit ist gefragt : Bedienfreundlichkeit
  • Sicherheit durch Stabilität
  • engere Zusammenarbeit zwischen Informatikern und Medizinern
  • Verbesserung der Vernetzung
  • mehr Fachpersonal im Pflegebereich
  • bessere Einführung des Personals in die Technologien
  • Verbesserungen im Preis-Leistungsverhältnis

der Patienten...

  • einfach zu bedienen, benutzerfreundlich
  • 100% Sicherheit
  • schnellere Abfertigung, kürzere Krankenhausaufenthalte, geringere Kosten
  • Einsatz überall (nur) dort, wo es sinnvoll ist...
  • Verbesserung der Patientenbetreuung
  • Nutzen für den medizinischen Fortschritt, der wiederum humanistischen Zielen entgegenstreben soll


5. Haftung
- Inhalt -
7. Schlußfolgerungen

© by Andreas Hadel und Birgit Hadel
»www.Hadels.com«